bauwen.de
RAUSFINDEN

Was zur Hölle ist hier los?

Wir wissen ziemlich genau, was passiert

Es gibt Probleme, die wir erst bemerken, wenn sie uns treffen. Die Klimakrise gehört nicht dazu. Wir beobachten sie seit Jahrzehnten. Wir messen die Erwärmung der Atmosphäre und der Ozeane, den Anstieg des Meeresspiegels, das Schmelzen von Eis und Veränderungen bei Extremereignissen. Wir kennen die Ursache erstaunlich genau: Vor allem die Verbrennung fossiler Energieträger und andere menschliche Treibhausgasemissionen verändern die Zusammensetzung der Atmosphäre und erwärmen den Planeten. [Q01]

Wir wissen sogar etwas, das für Entscheidungen besonders unbequem ist: Beim Kohlendioxid zählt nicht nur, wie viel wir irgendwann einmal ausstoßen, sondern wie viel sich insgesamt in der Atmosphäre ansammelt. Mit jeder weiteren Tonne wird ein begrenzter Spielraum kleiner. Deshalb lässt sich die Dringlichkeit der Klimakrise nicht nur mit Bildern von Dürren, Überschwemmungen oder schmelzenden Gletschern erzählen. Man kann sie auch zählen. [Q01]

Genau das tut der Countdown auf dieser Seite. Er ist keine Vorhersage des Weltuntergangs. Er übersetzt ein wissenschaftlich abgeschätztes verbleibendes globales CO₂-Budget rechnerisch auf einen deutschen Anteil und zieht davon fortlaufend CO₂-Emissionen ab. Über die genaue Verteilung eines globalen Budgets kann man streiten. Über Wahrscheinlichkeiten und Temperaturziele ebenfalls. Aber der grundlegende Zusammenhang bleibt: Solange netto weiter CO₂ in die Atmosphäre gelangt, wird der verbleibende Spielraum kleiner. [Q01][Q02][Q03][R02]

Die Dringlichkeit ist keine Haltung. Sie steckt in der Physik des Problems.

Und es ist nicht gottgegeben

Das ist vielleicht die erste gute Nachricht in einer ziemlich schlechten Lage: Die Klimakrise ist kein Meteorit, der zufällig auf die Erde zufliegt. Sie ist zu einem sehr großen Teil durch menschliches Handeln entstanden. Und wie weit sie noch fortschreitet, hängt deshalb wesentlich davon ab, was Menschen weiter tun – und was sie lassen.

Was bereits emittiert wurde, können wir nicht mehr vermeiden. Aber die nächste Emission ist noch keine historische Tatsache. Zwischen einer möglichen Emission und einer tatsächlich ausgestoßenen Tonne liegt eine Entscheidung, eine technische Anlage, ein Gebäude, eine Reise, ein Kraftwerk, ein Material, eine Regel oder eine Gewohnheit.

Das macht die Lage nicht einfacher. Aber es verändert die Frage. Wenn wir wissen, was geschieht, wenn wir wissen, warum es geschieht, und wenn wir wissen, dass unser Handeln den weiteren Verlauf beeinflusst: Was zur Hölle ist dann eigentlich hier los?

Wir handeln ja

Die einfache Antwort wäre: nichts. Wir wissen es und tun trotzdem nichts. Aber das stimmt nicht. [Q01]

Wir haben internationale Klimaabkommen geschlossen, erneuerbare Energien ausgebaut, Effizienzstandards verschärft, Forschung finanziert, CO₂ bepreist, Förderprogramme aufgelegt und neue Regeln entwickelt. Unternehmen bilanzieren Treibhausgase. Kommunen schreiben Klimaschutzkonzepte. Gebäude bekommen Energieausweise, Ökobilanzen und Nachhaltigkeitszertifikate. Ganze Bewertungs- und Regelwerke sind entstanden, um Entscheidungen besser zu machen.

Es passiert also sehr viel. Und trotzdem sinken die Emissionen nicht so schnell, wie es nötig wäre, um die vereinbarten Klimaziele verlässlich einzuhalten.

Vielleicht ist das die interessantere Frage: nicht, warum gar nichts geschieht, sondern warum so viel geschieht und es trotzdem nicht reicht.

Kann man ein Problem auch überkomplexifizieren?

Je mehr wir über die Folgen unseres Handelns wissen, desto mehr möchten wir berücksichtigen. Das ist zunächst vernünftig. Niemand will ein Problem lösen und dabei drei neue schaffen.

Beim Bauen kann man das besonders gut beobachten. Ein gutes Gebäude soll nicht nur wenig Treibhausgase verursachen. Es soll Ressourcen schonen, langlebig und anpassbar sein, möglichst kreislauffähig, schadstoffarm, energieeffizient, komfortabel, bezahlbar, sozial verträglich und möglichst auch noch gut für Biodiversität und Stadtklima. Fast jedes dieser Ziele ist berechtigt. Viele hängen miteinander zusammen. Manche geraten miteinander in Konflikt. [Q07][Q08]

Unsere Antwort darauf ist häufig: Wir bauen immer umfassendere Bewertungswerkzeuge. Wir sammeln mehr Daten, ergänzen weitere Kriterien, betrachten längere Zeiträume und versuchen, möglichst viele Wirkungen gleichzeitig sichtbar zu machen. Im besten Fall hilft uns das, Zusammenhänge zu erkennen, die wir sonst übersehen würden.

Aber es lohnt sich, eine unbequeme Gegenfrage zu stellen: Kann der Versuch, alles gleichzeitig richtig zu machen, irgendwann dazu führen, dass wir nicht mehr erkennen, was gerade am dringendsten zu tun ist?

Oder noch allgemeiner: Kann sehr viel Wissen eine Entscheidungsfindung paradoxerweise unschärfer machen, wenn wir alles gleichzeitig in dieselbe Bewertung hineinpacken?

Das wäre kein Argument gegen Wissen und kein Plädoyer für einfache Antworten auf komplizierte Fragen. Vielleicht geht es um etwas anderes: Komplexität so weit zu verstehen, wie wir sie für eine gute Entscheidung brauchen – und daraus wieder klare, überprüfbare Entscheidungsgrundlagen und wirksame Entscheidungsfindungen zu gewinnen.

Komplexität verstehen. Aber Entscheidungen nicht darin verstecken.

Probieren wir es am Bauen aus

Bauen ist dafür ein ziemlich guter Prüfstand. Nicht nur, weil Gebäude und ihre Herstellung für erhebliche Emissionen und Ressourcenverbräuche stehen. Sondern weil beim Bauen ständig Entscheidungen getroffen werden, die materielle Wirklichkeit schaffen und oft für Jahrzehnte bestehen bleiben.

Wir entscheiden, ob wir neu bauen oder mit dem Vorhandenen weiterarbeiten. Wie viel Fläche wir schaffen. Welche Tragwerke, Baustoffe und technischen Systeme wir einsetzen. Was wir erhalten, was wir austauschen, was wir wiederverwenden können. Ein Teil der Folgen entsteht sofort, ein anderer über Jahre und Jahrzehnte.

Und wir verfügen dafür inzwischen über bemerkenswert ausgefeilte Werkzeuge. Wir können Gebäude über ihren gesamten Lebenszyklus bilanzieren: Herstellung, Errichtung, Nutzung, Austausch, Energie, Rückbau, Entsorgung und mögliche Vorteile jenseits des betrachteten Lebenszyklus. Wir können verschiedene Umweltwirkungen erfassen und Gebäudevarianten miteinander vergleichen. [Q04]

Eigentlich müssten wir damit hervorragend entscheiden können.

Tun wir das?

Wenn die Aufgabe lautet, Klimaschutz sofort und so viel wie möglich zu erreichen: Zeigen uns unsere Werkzeuge dann tatsächlich, welche Entscheidung heute am meisten dazu beiträgt? Können wir in einer Zahl erkennen, welche Emissionen wir mit einer Entscheidung jetzt auslösen – und welche wir jetzt vermeiden können? Sehen wir noch, wann etwas geschieht? Und sehen wir, an welcher Stelle wir überhaupt entscheiden können?

Ich weiß die Antworten darauf nicht einfach schon vorher. Genau deshalb möchte ich die Rechnungen aufklappen. Nicht um die Ökobilanz oder die Nachhaltigkeitsbewertung abzuschaffen. Im Gegenteil: Sie sind vielleicht der beste gemeinsame Raum, den wir derzeit haben, um über die Wirkungen des Bauens überhaupt quantitativ zu sprechen. Aber ein Werkzeug darf man gerade dann genau ansehen, wenn man ihm wichtige Entscheidungen anvertraut.

Eine Sache für einen Moment nach vorn holen

Nachhaltigkeit besteht nicht nur aus Klimaschutz. Ein Gebäude, das wenig Treibhausgase verursacht und dafür Menschen krank macht, Ressourcen verschwendet oder nach kurzer Zeit wieder abgerissen werden muss, wäre offensichtlich keine überzeugende Antwort.

Aber daraus folgt nicht, dass jede Frage immer gleichzeitig beantwortet werden muss.

Vielleicht hilft es, für einen Moment eine einzige Aufgabe nach vorne zu holen und sie so ernst zu nehmen, als müsste aus ihr tatsächlich eine Entscheidung folgen:

Klimaschutz sofort und so viel wie möglich.

Nicht als Behauptung, dass nichts anderes zählt. Sondern als Untersuchungsfrage: Was sehen wir, wenn wir die Dringlichkeit der Klimakrise nicht erst am Ende einer ganzheitlichen Bewertung wiederfinden wollen, sondern an den Anfang stellen?

Was folgt dann fürs Bauen?

Vielleicht lautet die erste Antwort: gar nicht neu bauen. Weiterbauen. Umbauen. Sanieren. Weniger bauen. Vielleicht gibt es Situationen, in denen ein Neubau trotzdem die bessere Entscheidung ist. Vielleicht müssen wir bei Baustoffen anders hinschauen. Vielleicht können Gebäude nicht nur Emissionen verursachen, sondern Kohlenstoff für lange Zeit aus der Atmosphäre heraushalten. Vielleicht entdecken wir auch, dass manche Zahlen etwas anderes beantworten als die Frage, für die wir sie benutzen.

Das alles ist noch offen.

Aber die Ausgangsfrage ist es nicht mehr.

Wir kennen die Klimakrise erstaunlich genau. Wir haben sie wesentlich selbst verursacht. Wir können ihren weiteren Verlauf beeinflussen. Unser Handlungsspielraum wird mit fortgesetzten Emissionen kleiner. Und obwohl wir längst handeln, gelingt das Umsteuern bisher nicht schnell genug.

Also schauen wir uns das Bauen noch einmal an.

Nicht mit der Erwartung, dass am Ende meine Antwort herauskommen muss. Sondern mit der Hoffnung, dass wir genauer sehen können, worüber wir heute tatsächlich entscheiden – und welche Entscheidungsgrundlagen uns dabei helfen.

RAUSFINDEN. ENTSCHEIDEN. MACHEN.

Die Frage nach möglicher Überkomplexifizierung ist dabei ausdrücklich eine Untersuchungshypothese, kein bereits belegter Befund. Belegt werden die wissenschaftliche Ausgangslage und die vorhandenen Bewertungsstrukturen; ob daraus Entscheidungsunschärfe entsteht, soll in den folgenden Rechen- und Methodenräumen geprüft werden.