Was muss eine Zahl können?
83,24 Tonnen.
So groß ist in unserer Vergleichsrechnung der Unterschied der Treibhausgasemissionen in A1–A3 zwischen zwei funktional äquivalenten Gebäudevarianten. [R01]
Holz–Stroh liegt in A1–A3 bei −5,24 t CO₂e, die massive Variante bei +78,00 t CO₂e. Die Differenz beträgt 83,24 t CO₂e. [R01]
Über den nach QNG angesetzten Betrachtungszeitraum von 50 Jahren ergeben sich 147,89 t CO₂e für Holz–Stroh und 192,80 t CO₂e für die massive Variante. Die Differenz beträgt dann 44,91 t CO₂e. [R01][Q04]
Die 38,33 Tonnen sind nicht verschwunden.
Zwischen 83,24 und 44,91 Tonnen liegt kein physischer Vorgang, der einen Teil des ursprünglichen Unterschieds nachträglich aus der Atmosphäre holt. Die Bilanz wurde nur um weitere Lebenszyklusbestandteile erweitert: Betrieb, Instandhaltung und Ersatz sowie das modellierte Lebensende. [Q04][R01]
Das Gesamtergebnis beantwortet deshalb eine größere Frage als die Zahl aus Herstellung und Errichtung.
Das ist fachlich sinnvoll. Eine Lebenszyklusbilanz soll unterschiedliche Vorgänge über einen langen Zeitraum in einer gemeinsamen Bilanz zusammenführen. Für eine konkrete heutige Entscheidung entsteht dabei aber eine zweite Frage: Macht die Zahl noch sichtbar, was mit dieser Entscheidung jetzt beeinflusst wird?
Die Bilanz darf addieren. Die Steuerung muss unterscheiden können.
Die Konsequenz ist deshalb nicht, die Lebenszyklusbilanz zu ersetzen. Whole Life bleibt der notwendige gemeinsame Rechenraum. Aber für bestimmte Entscheidungen lohnt es sich, die aggregierte Zahl wieder aufzuklappen.
Zum Beispiel mit vier Fragen: Wie viel? Wofür? Wann? Wer? Wie groß ist die Wirkung? Welche Aufgabe betrifft sie? Wann tritt sie ein? Und wer besitzt heute den Hebel, sie zu verändern?
Dann bleibt die 50-Jahres-Bilanz erhalten. Daneben wird sichtbar, ob eine Wirkung mit der heutigen Material- und Konstruktionsentscheidung verbunden ist, mit dem späteren Strommix, mit einem angenommenen Austausch oder mit einem End-of-Life-Szenario.
Wenn Klimaschutz sofort und so viel wie möglich der Ausgangspunkt ist, ist diese zeitliche und sachliche Nähe zur heutigen Entscheidung selbst eine relevante Information.
Die Frage lautet deshalb nicht, ob Whole-Life-LCA richtig oder falsch ist. Sondern: Was muss eine Zahl können, damit sie wirksame Entscheidungen ermöglicht?
Vielleicht braucht die Einzahlbewertung dafür eine zweite Ebene: nicht weniger bilanzieren, sondern genauer zeigen, welcher Teil der Bilanz zu welcher Entscheidung gehört.
Die zugrunde liegende Versuchsanordnung, die funktionale Äquivalenz der Gebäudevarianten und die Rechenkonventionen sind im Rechennachweis [R01] dokumentiert.