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Worauf kommt es jetzt an?

Wir wollen Emissionen vermeiden. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Dann müssen wir bei einer Bauentscheidung sehen können, welche Emissionen wir mit dieser Entscheidung heute auslösen – und welche wir heute vermeiden können.

Die Ökobilanz über den gesamten Lebenszyklus beantwortet eine größere Frage. Sie führt Herstellung, Gebäudetechnik, Betrieb, Austausch und Lebensende über einen langen Betrachtungszeitraum zusammen. Das ist wichtig: Wir wollen wissen, welche Klimawirkungen ein Gebäude insgesamt verursacht. Für die Entscheidung heute brauchen wir darin aber zusätzlich eine Betrachtung, die das Heute sichtbar hält.

Wo der Unterschied kleiner wird

In unserer Vergleichsrechnung liegen zwischen zwei funktional äquivalenten Gebäudevarianten in A1–A3 83,24 Tonnen CO₂e. Im 50-Jahres-Gesamtergebnis beträgt der Abstand nur noch 44,91 Tonnen. Inzwischen lässt sich ziemlich genau sagen, wo der Unterschied kleiner wird: nicht im Betrieb – B6 ist in beiden Varianten praktisch gleich – und auch nicht vor allem durch Instandhaltung und Ersatz. Der entscheidende Gegenspieler liegt am modellierten Lebensende. [R01]

Für die Holz–Stroh-Variante stehen in C3+C4 49,10 Tonnen CO₂e, für die massive Variante 9,18 Tonnen. Allein dadurch schrumpft ihr Abstand um 39,91 Tonnen. Die etwas höheren Instandhaltungs- und Ersatzemissionen der massiven Variante verschieben ihn um 1,58 Tonnen zurück. Aus 83,24 Tonnen werden so 44,91 Tonnen. [R01]

Bei biogenen Baustoffen ist der Mechanismus Teil der Bilanzierungslogik: Kohlenstoff wird während des Pflanzenwachstums aus der Atmosphäre aufgenommen, im Produkt gespeichert und in der Standardmodellierung am Lebensende wieder freigesetzt. Die aktuelle Baustroh-EPD beschreibt diesen Zusammenhang für A1–A3 und C3. [Q18]

Damit wird die Zeitfrage konkret. Der große Unterschied aus der heutigen Material- und Konstruktionsentscheidung wird im Einzahlwert vor allem mit einer angenommenen Freisetzung am Lebensende verrechnet – bei einem heute neu gebauten Gebäude also mit einem Szenario für eine Welt, die Jahrzehnte entfernt ist.

Die Kette der Wenns

Je weiter wir in die Zukunft rechnen, desto länger wird die Kette der Wenns: wenn das Gebäude so lange steht und so genutzt wird wie angenommen, wenn Bauteile zu den angesetzten Zeitpunkten ersetzt werden, wenn die dann verfügbaren Produkte die unterstellten Umweltwirkungen haben und wenn am Lebensende tatsächlich die heute modellierten Entsorgungs- und Verwertungswege eintreten. Diese Szenarien brauchen wir, wenn wir den gesamten Lebenszyklus betrachten wollen. Aber wir wissen sie nicht mit derselben Sicherheit wie eine Herstellung, die mit der heutigen Bauentscheidung bereits ausgelöst wird.

Gerade bei biogenen Baustoffen steckt darin eine bemerkenswerte Asymmetrie. Die Aufnahme und Speicherung des Kohlenstoffs geschieht zuerst. Sie ist physisch vorhanden, solange das Material im Gebäude bleibt. Seine spätere Rückkehr in die Atmosphäre hängt dagegen davon ab, was in Jahrzehnten mit Gebäude, Bauteilen und Materialien geschieht.

Die Ökobilanz über den gesamten Lebenszyklus darf diese spätere Freisetzung nicht vergessen. Aber sie muss ein heutiges End-of-Life-Szenario auch nicht zur feststehenden Zukunft erklären. Zwischen Einbau und Rückbau liegen Jahrzehnte, in denen Gebäude länger genutzt, Bauteile wiederverwendet und Materialien in weiteren stofflichen Kaskaden geführt werden können. Die Baustroh-EPD selbst hält fest, dass für die Nachnutzungsphase noch keine Erfahrungen vorliegen. [Q18]

Wir müssen heute nicht versprechen, dass jeder Halm und jeder Balken 2076 wiederverwendet oder dauerhaft gespeichert wird. Es reicht, die Zeitebenen auseinanderzuhalten: Herstellung und Einlagerung biogenen Kohlenstoffs werden mit der Bauentscheidung heute ausgelöst; über den Endpfad können und müssen wir später erneut entscheiden. Die Aufgabe lautet, den gespeicherten Kohlenstoff möglichst lange aus der Atmosphäre herauszuhalten.

Was müssen wir heute sehen?

Der härteste und unmittelbar verfügbare Kern sind A1–A3. Wenn das Bauprodukt auf der Baustelle ankommt, sind diese Emissionen beziehungsweise die bilanzierten biogenen Aufnahmen bereits mit der Produktentscheidung verbunden. Wir müssen dafür keine neue Ökobilanzierung erfinden; wir müssen diese Information sichtbar halten.

Die heutige Bauentscheidung endet physisch nicht am Werkstor. Auch A4, der Transport zur Baustelle, und A5, die Errichtung, gehören zu dem, was wir mit dem Bauvorhaben unmittelbar auslösen. Die naheliegende Grenze ist deshalb A1–A5: bis das Gebäude steht. Dass dieser Scope praktisch handhabbar ist, zeigt Schweden seit 2022 mit seiner verpflichtenden Klimadeklaration für A1–A5. Boverket arbeitet dabei mit Vereinfachungen, generischen Daten, Standardwerten und Projektdaten dort, wo sie gut verfügbar sind. [Q15] Für den Einstieg bleibt A1–A3 der einfachste Kern; A4–A5 können mit einer pragmatischen Erhebungslogik hinzukommen. Eine Methode für Klimaschutz sofort muss auch sofort anwendbar sein.

Diese Trennung ist keine exotische bauwen-Idee. In der Vorbereitung der französischen RE2020 wurde ein eigener A1–A5-Indikator ausdrücklich mit geringerer Unsicherheit und dem Ziel diskutiert, Emissionen zu senken, die „dès aujourd’hui“ – bereits heute – entstehen; Frankreich entschied sich später für eine dynamische Lebenszyklusmethodik. [Q17] Schweden geht den anderen Weg: Boverket schlägt für 2030 vor, das Life-Cycle-GWP über den gesamten Lebenszyklus zu berichten und A1–A5 zusätzlich separat zu begrenzen. [Q16]

Das Ganze sehen. Das Heute scharf stellen.

Für unsere Entscheidung heißt das zunächst: Die Ökobilanz über den gesamten Lebenszyklus bleibt. Daneben stellen wir die Betrachtung dessen, was mit der heutigen Bauentscheidung unmittelbar ausgelöst wird: zunächst A1–A3, mit einer praktikablen Erhebung erweitert um A4–A5. Beide Betrachtungen haben unterschiedliche Aufgaben.

Damit haben wir einen unmittelbar möglichen Verbesserungsschritt. Von hier aus kann die Methode weiter wachsen: Jeder nächste Schritt prüft, was der neue Blick besser erkennbar macht und wo er Leitplanken braucht.

Neue Brille. Nebenwirkungen prüfen.

Mit dieser Brille wird ein gewünschter Effekt sehr deutlich: Konstruktionen mit niedrigen Herstellungsemissionen werden besser sichtbar, und biogene Baustoffe erhalten zusätzlich einen Vorteil für den Kohlenstoff, den sie der Atmosphäre entzogen haben und im Gebäude speichern. Genau dieser Wettbewerb um möglichst geringe heutige Emissionen und möglichst viel sinnvoll gespeicherten biogenen Kohlenstoff ist gewollt. Die nächste Aufgabe ist, ihn so zu gestalten, dass Materialmenge, Ressourceneffizienz und Speicherwirkung zusammenpassen.

Dafür reichen zunächst wenige qualitative Checks: Erfüllt die Konstruktion ihre Funktion mit angemessenem Materialeinsatz? Ist die verwendete Ressource in dieser Menge verfügbar und sinnvoll eingesetzt? Ist die Konstruktion dauerhaft, reparierbar und möglichst weiterverwendbar? Solche Leitplanken können erkennbare Nebenwirkungen auffangen, ohne sämtliche Nachhaltigkeitsfragen wieder in denselben Einzahlwert zu packen.

Bei Holz führt dieser Wettbewerb unmittelbar zur Ressourcenfrage. Holz ist wertvoll und seine verfügbare Menge begrenzt. Zusätzliche Holzmasse allein zur Vergrößerung des Speichers ist dort fragwürdig, wo dieselbe Funktion materialsparender erfüllt und das Holz an anderer Stelle zusätzlich eingesetzt werden kann. Gerade massive Holzbauteile sollten sich deshalb nicht allein über einen größeren negativen Speicherwert qualifizieren, sondern auch den Check auf Ressourceneffizienz bestehen.

Bei Stroh liegt diese Grenze nach heutigem Kenntnisstand deutlich weiter entfernt. Als landwirtschaftliches Koppelprodukt bietet es erhebliche zusätzliche stoffliche Nutzungspotenziale; eine wesentlich stärkere Verwendung als Dämmstoff kann deshalb zunächst zusätzlichen Kohlenstoffspeicher schaffen, ohne in vergleichbare Ressourcenkonkurrenzen zu geraten. Wie groß dieses Potenzial ist und wo bei sehr starker Skalierung Grenzen entstehen, soll ein eigener RAUSFINDEN-Artikel genauer untersuchen.1

Damit wird aus der neuen Brille eine schrittweise Methodenverbesserung: Gegenwartseffekt sichtbar machen, Speicherwirkung sichtbar machen, erkennbare Nebenwirkungen mit wenigen qualitativen Leitplanken prüfen – und dann weiterarbeiten. Der Maßstab bleibt dieselbe Frage: Hilft uns die Methode besser zu erkennen, was wir heute für den Klimaschutz entscheiden können?

Und die Reduction Roadmap?

Die dänische Reduction Roadmap setzt an einer entscheidenden Stelle an: Sie leitet ihren Reduktionspfad nicht aus dem bisher Üblichen ab, sondern aus dem verbleibenden globalen CO₂-Budget und übersetzt dieses in Zielwerte für Gebäude. [Q20] Damit bringt sie den Maßstab ins Spiel, an dem sich auch die nächsten methodischen Schritte orientieren sollten: das noch verfügbare Klimabudget.

Ihr heutiger Zielwert umfasst weiterhin den gesamten Lebenszyklus als zusammengeführten Gebäudewert. Genau hier trifft die Reduction Roadmap auf die Entdeckung dieses Artikels: Wenn ein Einzahlwert den heute entscheidbaren Herstellungsvorteil mit modellierten Wirkungen eines End-of-Life in Jahrzehnten verrechnet, ist zu prüfen, ob gerade dieser Einzahlwert der richtige Leitwert für einen budgetbasierten Grenzwert der heutigen Bauentscheidung ist.

Der nächste Prüfweg liegt damit auf dem Tisch: die Budgetorientierung der Reduction Roadmap mit der hier geschärften Gegenwartsbetrachtung zusammenbringen. Dann lässt sich untersuchen, welche Grenzwerte für A1–A3 beziehungsweise A1–A5 daraus folgen, wie biogene Speicherung darin sinnvoll abgebildet wird und welche wenigen qualitativen Leitplanken für Ressourcen- und Nebenwirkungen nötig sind.

So kann die Methode Schritt für Schritt schärfer werden: den Gegenwartseffekt sichtbar machen, am Klimabudget ausrichten, Speicherwirkung sinnvoll nutzen, Nebenwirkungen prüfen und nachschärfen.

Nicht perfekt anfangen. Besser anfangen. Jetzt.

1 Weiterführender RAUSFINDEN-Artikel geplant: Stroh als biogener Dämmstoff – Speicherpotenzial, verfügbare Mengen, Ressourcenkonkurrenzen und Grenzen einer Skalierung.