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Heute ist nicht irgendwann

Was wir gestern emittiert haben, können wir nicht mehr vermeiden. Was wir heute emittieren, können wir nur heute vermeiden. Was in fünfzig Jahren geschieht, können wir fünfzig Jahre lang besser vorbereiten.

Eine Lebenszyklusbilanz legt all diese Zeitpunkte in einen gemeinsamen Rechenraum. Herstellung, Nutzung, Ersatz und Lebensende werden über einen festgelegten Betrachtungszeitraum zusammengeführt. [Q04]

Das ist ihre Stärke. Und genau dort beginnt eine zweite Frage.

Für eine heutige Bauentscheidung sind eine Emission, die mit Herstellung und Errichtung jetzt ausgelöst wird, und eine Emission, die für das Jahr 2076 modelliert wird, nicht dieselbe Art von Information.

Was heute emittiert wird, ist nach der Entscheidung und Umsetzung geschehen. Ein End-of-Life-Ereignis in fünfzig Jahren ist heute dagegen ein Szenario. Die künftigen Akteure können Bauteile wiederverwenden, recyceln, verbrennen, deponieren oder andere Wege wählen, die wir heute noch nicht kennen.

Spätere Emissionen sind deshalb nicht unwichtig und nicht weniger real, wenn sie eintreten. Aber mit zeitlicher Entfernung verändert sich die Art unseres Wissens – und die Zahl der Entscheidungen, die bis dahin noch getroffen werden können.

Je weiter wir in die Zukunft rechnen, desto länger wird die Kette der Wenns.

Auch beim Betriebsstrom wird das sichtbar. Ein statischer Emissionsfaktor und ein dekarbonisierender Strompfad beantworten nicht dieselbe Zukunftsannahme. Das DGNB-Rahmenwerk 2026 bildet für Deutschland einen sinkenden Strompfad ab. [Q06]

Die zukünftige Dekarbonisierung kann jedoch eine bei der Errichtung bereits ausgelöste Herstellungswirkung nicht rückwirkend verändern.

Frankreich macht noch etwas anderes: Die RE2020 hält die Lebenszyklusbetrachtung aufrecht, gewichtet Emissionen innerhalb der Konstruktion aber abhängig von ihrem Zeitpunkt. Eine Emission im Jahr 0 erhält dabei den Faktor 1; am Ende des 50-jährigen Betrachtungszeitraums liegt der Faktor für CO₂ bei rund 0,58. [Q05]

Das ist kein Beweis dafür, dass die französische Methode die einzig richtige ist. Aber es zeigt: Zeit innerhalb einer Whole-Life-Bilanz sichtbar zu machen, ist keine exotische Idee.

Und die französische Methodendiskussion ging sogar noch näher an unsere Frage heran: Vor Einführung der RE2020 wurde zeitweise ein eigener Indikator für die frühen Module A1–A5 diskutiert, gerade weil frühe Emissionen näher an der heutigen Entscheidung liegen und mit geringerer Zukunftsunsicherheit verbunden sind. [Q05]

Was wir heute emittieren, ist entschieden. Was wir für später bilanzieren, ist heute noch nicht geschehen.

Für eine Bilanz darf beides zusammengehören. Für die Steuerung einer heutigen Entscheidung kann es trotzdem sinnvoll sein, es unterscheiden zu können.

Die Bilanz darf addieren. Die Steuerung muss unterscheiden können.

Eine Zahl, die Entscheidungen steuern soll, muss zeigen, wann wir entscheiden können.

Das führt zurück zur Ausgangsfrage: Wenn die Aufgabe „Klimaschutz sofort und so viel wie möglich“ lautet – warum ist dann ausgerechnet der über 50 Jahre aggregierte Einzahlwert die primäre Entscheidungsgröße für die Bauentscheidung heute?

Die Antwort darauf ist offen. Whole Life bleibt der Wissensraum. Aber vielleicht müssen wir dort am entschiedensten steuern, wo das Entscheidungsfenster gerade zufällt.